Eröffnungsrede des Gräzistentages 2010 – gehalten von Burghard Gieseler
am 24. September 2010 am Domgymnasium in Verden
Gelegentlich werde ich gefragt, warum denn der
Niedersächsische Altphilologenverband für ein derart kleines Fach wie
Griechisch noch einen eigenen Landestag durchführe.
In der Tat zeigen die ohnehin schon niedrigen
Schülerzahlen des Faches Griechisch seit der Einführung des
achtjährigen Gymnasiums deutlich nach unten. Die Schulzeitverkürzung
wirkt sich eindeutig zu Lasten der dritten Fremdsprache aus – und
Griechisch wird eben nur als dritte Fremdsprache angeboten. Wenn nichts
geschieht, müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass an den
Gymnasien in Deutschland nach dem Englischen nur noch eine
weitere Fremdsprache erlernt wird. Wenn nichts geschieht, müssen wir
uns auch an den Gedanken gewöhnen, dass das Fach Griechisch – von
wenigen Ausnahmen in den Großstädten abgesehen – völlig von der
Bildfläche verschwinden wird. Wenn nichts geschieht...
Diese Folgen der Schulzeitverkürzung hat man bei
deren Einführung wohl nicht überblickt oder – was wahrscheinlicher ist –
man hat sie billigend in Kauf genommen. Die ökonomischen Gründe, die
zur Einführung des achtjährigen Gymnasiums geführt haben, wogen
schwerer als der Bildungsabbau, den die Verkürzung der Schulzeit, wie
wir nun wissen, mit sich gebracht hat.
Natürlich hat man das nicht offen zugegeben.
Stattdessen hat man gesagt, dass die Schulzeitverkürzung nicht zu einem
Qualitätsverlust führen werde, da der Unterricht ja künftig
kompetenzorientiert sei. Eine einmal erworbene Kompetenz könne in ganz
unterschiedlichen Lernsituationen angewandt werden. Auf diese Weise,
glaubte man, könne das fehlende Schuljahr mehr als ausgeglichen werden.
Hat sich diese Erwartung erfüllt? Die Antwort hängt,
meine ich, von dem Bildungsbegriff ab, den man zugrunde legt. Ob
nämlich jemand einer Anforderungssituation gewachsen ist, hängt
zunächst einmal von der Art der Anforderung ab. Natürlich kann ein
kompetenzorientierter Unterricht gut auf eine kompetenzorientierte
Prüfungsaufgabe vorbereiten. So gesehen, hätte sich die Erwartung
erfüllt. Ja, es wäre sogar noch Raum für die von gewissen Politikern
geforderte „Entrümpelung der Lehrpläne“.
Legt man aber einen Bildungsbegriff zugrunde, der sich nicht im Methodischen erschöpft, sondern auf die Entfaltung einer mündigen Persönlichkeit
zielt, könnte man mit gutem Grund sagen, dass die Kompetenzorientierung
den Qualitätsverlust nicht nur nicht ausgeglichen, sondern ihn noch
zusätzlich verstärkt hat. Denn beide – die Schulzeitverkürzung und die
Kompetenzorientierung – haben am Ende dieselbe Ursache: den Primat der
Ökonomie in unserer Gesellschaft, den Vorrang des Materiellen vor dem
Geistigen.
Ein Unterricht, der sich damit begnügt, bestimmte
Arbeitstechniken zu vermitteln, zielt auf das Funktionieren in der
Arbeitswelt. Die Schule habe, so eine uralte Forderung der Arbeitgeber,
junge Menschen zu liefern, die sich einfügen und die problemlos zu
gebrauchen sind. Selbständiges Denken und gesellschaftliches Engagement
sind nicht gefragt.
An dieser Stelle will ich – nicht ohne Stolz! –
darauf hinweisen, dass wir Altphilologen in Niedersachsen in den
letzten Jahren das Ziel der Persönlichkeitsbildung stets hochgehalten
haben, auch wenn wir damit zeitweise recht alleine dastanden. Die neuen
Kerncurricula für die Sekundarstufe II in Latein und Griechisch haben
sich – den z.T. abenteuerlichen Vorstellungen im MK zum Trotz – einer
inhaltlichen Entleerung des Unterrichts verweigert und die Kompetenzen
an fachspezifischen Inhalten ausgewiesen. Unmissverständlich
wird in ihnen deutlich gemacht, dass die oberste Dimension, an der sich
der gesamte Unterricht auszurichten hat, die Persönlichkeitsbildung
ist.
Dies zeigt, dass es auch heute noch möglich ist, - mit etwas weniger vorauseilendem Gehorsam und etwas mehr Zivilcourage - Positionen, von denen man überzeugt ist, durchzusetzen. Und wir sind
davon überzeugt, dass der demokratische Rechtsstaat nichts so sehr
braucht wie geistig unabhängige und verantwortungsbewusste
Staatsbürger! Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die Demokratie
überhaupt existieren kann. Die Demokratie braucht den freien Diskurs
wie die Luft zum Atmen. Denn der Souverän übt seine Macht dadurch aus,
dass er aus der Vielzahl der Politikentwürfe und Ideen innerlich
unabhängig und verantwortungsbewusst auswählt.
So weit die Theorie. Die Praxis
hingegen hat sich, wie mir scheint, von dieser Theorie weit entfernt.
Kann man denn wirklich noch sagen, dass der Souverän dadurch seine
Macht ausübt, dass er aus der Vielzahl der Politikentwürfe und Ideen
auswählt? Um aber wählen zu können, braucht das Volk Auswahlmöglichkeiten.
Und die sind immer schwerer zu erkennen. Die programmatischen Aussagen
der politischen Parteien haben sich – und das kann man eigentlich
nicht bestreiten – in den letzten beiden Jahrzehnten immer mehr
angeglichen und auf eine Linie verengt. Wer von dieser Linie
abweicht, wird öffentlich entehrt und beruflich zerstört. Es gibt eine
lange Liste solcher Fälle, die bei Philipp Jenninger anfängt und bis in
die Gegenwart hineinreicht. Es hat sich ein Klima miefiger arroganter
Intoleranz in unserem Lande breitgemacht.
Es wird Zeit, dass wir die Fenster aufreißen und uns
auf die Freiheit und die demokratischen Grundtugenden besinnen. Die
wichtigste dieser Tugenden ist aus meiner Sicht die Toleranz, die
Achtung vor der Meinung des Andersdenkenden – nach dem Grundsatz: Ich
bin zwar nicht Deiner Meinung, ich werde aber bis zuletzt dafür
kämpfen, dass Du Deine Meinung frei äußern kannst. Auf dieser Grundlage
ist der demokratische Streit um den besten Weg erst möglich.
Allerdings setzt die Achtung vor der Meinung des Andersdenkenden eine
innerlich freie, eine unabhängige Persönlichkeit voraus. Denn wer
innerlich unfrei ist, sich in einem ideologischen Korsett selbst
gefesselt hat, der akzeptiert auch nicht die Freiheit des
Andersdenkenden. Er braucht Ja-Sager und Mitläufer. Nur wer innerlich
frei und unabhängig ist, akzeptiert die Freiheit des Anderen – nein, er
akzeptiert sie nicht nur, er fordert sie sogar ein. Denn der freie
Diskurs ist selbstverständlich nur unter freien Menschen möglich. Den
demokratischen Diskurs kann nur die unabhängige und
verantwortungsbewusste Persönlichkeit führen. Auf deren Entfaltung muss
deshalb der Erziehungsauftrag der Schule in der Demokratie zielen.
Das Fach Griechisch leistet einen spezifischen und unverwechselbaren Beitrag zur Entfaltung einer innerlich freien Persönlichkeit. Mit „frei“ ist hier natürlich nicht „entwurzelt“ gemeint. Denn die mündige Persönlichkeit bedarf durchaus – auch wenn es sich vielleicht etwas paradox anhören mag – der Anbindung,
der Verwurzelung – , durch die sie überhaupt erst mündig und frei
wird. So ist es für die Persönlichkeitsentwicklung beispielsweise
notwendig, das geistige Fundament zu kennen, auf dem sich das heutige
Europa entwickelt hat. Der Griechischunterricht vermittelt einen
Einblick in die kulturellen Grundlagen Europas und bietet auf diese
Weise jungen Menschen die Möglichkeit, sich ihrer europäischen
Identität bewusst zu werden.
Das Fach Griechisch hält für die Schüler ein schier
unerschöpfliches Anregungspotential bereit. In der Begegnung und
Auseinandersetzung mit dem ungezügelten Geist der Griechen lernt der
junge Mensch, Schranken zu durchbrechen und hinter ihnen die Fragen des
Menschseins zu entdecken, die zwar stets nach einer Antwort verlangen,
auf die es aber nie eine Antwort geben wird.
Zum Anregungspotential des Griechischen gehört auch
die Begegnung mit historischen und literarischen Persönlichkeiten, die
ihrerseits innerlich frei und unabhängig sind.
Antigone beispielsweise hält der staatlichen Hybris
Kreons die aägrapta kaösfalhq jevqn noßmima – die ungeschriebenen und
unumstößlichen Gesetze der Götter – entgegen. Damit bekennt sie sich
dazu, dass auch das staatliche Recht an eine Grenze stößt, dass es
einem allgemeinen Menschenrecht nachgeordnet ist. Für dieses Bekenntnis
ist sie – im vollen Vertrauen auf das sittlich Gute der göttlichen
Gesetze – bereit, auch die letzte Konsequenz auf sich zu nehmen.
Ebenso Sokrates – um ein zweites Beispiel zu nennen.
Auch in ihm begegnen die Schüler einer innerlich freien und
unabhängigen Persönlichkeit, die eher bereit ist, die Todesstrafe zu
erleiden als sich von seinem Streben nach Erkenntnis abbringen zu
lassen. Platon hat in der ‚Apologie des Sokrates’ ein großartiges
Beispiel dafür gegeben, mit welcher Haltung eine Persönlichkeit wie Sokrates ihren Weg gegangen ist.
Meine Damen und Herren, diese beiden Beispiele
machen bereits hinlänglich deutlich, dass in einer Demokratie, in der
unabhängige Persönlichkeiten rar geworden sind, der Bildungsbeitrag des
Faches Griechisch unentbehrlich ist. Es ist, denke ich, durchaus nicht
übertrieben, die Wertschätzung des Griechischen als einen ganz feinen
Gradmesser für die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft anzusehen.
Wir appellieren deshalb an die Landesregierung, das
Gespräch mit dem Niedersächsischen Altphilologenverband zu suchen und
alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit das Fach Griechisch im
Bildungsangebot unseres Bundeslandes dauerhaft verbleibt.
Um dies zu gewährleisten, fordern wir:
- Die Sprachenfolge muss entzerrt werden. Die
derzeitig bestehende – asymmetrische – Sprachenfolge 3/6/7 wirkt sich
eindeutig zu Lasten der dritten Fremdsprache aus. Um den sinnvollen
Zweijahresabstand in der Sprachenfolge herbeizuführen, müsste entweder
der Beginn der dritten Fremdsprache auf den Schuljahrgang 8
zurückverlagert oder die zweite Fremdsprache müsste generell auf den
Schuljahrgang 5 vorverlegt werden. Dies würde allerdings die curriculare
Verzahnung der ersten und zweiten Fremdsprache zwingend erfordern.
- In jeder größeren Stadt Niedersachsens ist ein
explizit altsprachliches Bildungsangebot, zu dem selbstverständlich
auch Griechisch gehört, vorzuhalten. Wir haben deshalb – das will ich
in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen – kein Verständnis dafür,
dass in der viertgrößten Stadt Niedersachsens, in Oldenburg, das Fach
Griechisch nicht angeboten wird.
- Die Fächer Latein und Griechisch müssen in der
Landesschulbehörde und im Kultusministerium ähnlich vertreten sein wie
andere Fächer vergleichbarer Größe.
Sehr verehrte Anwesende, ich habe in meiner Rede
versucht deutlich zu machen, dass eine Demokratie, die in der
Bildungspolitik das Ziel der Persönlichkeitsbildung preisgibt, sich im
Grunde selbst abschafft. Deshalb halten wir den auf die
Persönlichkeitsbildung gerichteten Bildungsbeitrag des Faches Griechisch
für unentbehrlich. Denn darin sehen wir den Nutzen unseres Faches.
Ich freue ich mich deshalb, dass Sie, sehr geehrter Herr Dr. Drewermann, heute zu uns über den
„Nutzen des Unnützen – oder: Warum Griechisch?“
sprechen werden. Ich kann mir in dieser Situation wirklich kein passenderes Thema vorstellen.
Uns allen wünsche ich einen anregenden Gräzistentag 2010!